Gedenken 1.April 1945 - alte und neue Kirche

Gedenken an die Kriegsopfer in Mackenzell vor 75 Jahren

Der 1. April 1945, Ostersonntag, war für Mackenzell ein „schwarzer Tag“. Beim Vorrücken der Alliierten mussten drei Zivilpersonen und 24 deutsche Soldaten, meist junge Kerle, einen sinnlosen Tod sterben. Neben der alten Barockkirche wurden auch 6 Wohnhäuser, 17 Scheunen und die Lagerhalle einer Schreinerei zerstört.

Aus diesem Anlass findet vorbehaltlich dessen, dass das wegen Corona-Epidemie möglich ist, am Palmsonntag, 5. April 2020 um 10.15 Uhr eine Gedenkveranstaltung auf dem Johannesplatz statt, auf dem bis zu ihrer Zerstörung die alte Kirche stand. Die Ortsvorsteherin Annette Trapp wird ein Gedenkwort sprechen. Die Feuerwehr wird zu Ehren der Opfer, unter denen sich auch zwei Feuerwehrkameraden befanden, einen Kranz niederlegen. Musikalisch umrahmt wird das Gedenken von der Tonica.

Im Anschluss werden Palmsträuße gesegnet und es geht in Prozession zur Kirche, wo im Palmsonntagsgottesdienst auch der Opfer gedacht wird.

Nachstehend Zeitzeugen vom Kriegsgeschehen in Mackenzell, mit Fotos vom Abriss der zerstörten Barockkirche.

Texte entnommen aus dem Heimatbuch: "Mackenzell – Dorf und Amtssitz - Eine Wanderung durch die Geschichte"

Fotos: Archiv des HuKV - Winfried Schön

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Zeitzeugenberichte:

Bericht von Paula Henkel:

„Es kam der Ostersonntag, der 1. April 1945. Kaum waren wir aus der Frühkirche, da kamen die Panzer oben aus den Wäldern von Oberrombach. Schon sahen wir brennende Dörfer. Die Soldaten sprangen aus ihren Scheunen und suchten Schutz hinter den Häusern. In Todesangst schickte ich Hilde und Marianne zu Schneiders... Nun rollten die Panzer an. Kali brachte Opa zu uns rauf, und schon knallte es. Die Soldaten forderten uns auf, das Haus zu verlassen, es war aber nicht mehr möglich. Die Maschinengewehre knatterten, alles feuerte. Der Amerikaner antwortete mit Sprenggranaten, ein Schlag und das Haus war getroffen. Die Scheiben in den Fenstern klirrten. Steine rappelten zu Boden. So ging es abwechselnd, unsere Soldaten schossen und doppelt war die Antwort. Wieder ein Schlag auf das Haus, dieses Mal ein Loch im Treppenhaus. Wieder fielen die Scheiben. In Todesangst beteten wir zur Gottesmutter um Hilfe. Nun sahen wir auch schon die Brände, die über das untere Dorf loderten. Niemand konnte das Vieh retten, es war unmöglich, in dem Kugelregen rauszukommen. Bald brannte es auch im Oberdorf und das Schießen ging weiter. Ich hatte Angst um die beiden Kinder bei Schneiders und konnte nicht mehr weinen, nur noch stöhnen... Auch unsere Kirche brannte am Turm, und noch immer hielt der Kampf an. Keiner gab nach, so unsinnig auch der Widerstand unserer Soldaten war. Was konnten sie mit ihren Maschinengewehren den Panzern anhaben? Noch einmal ein Krach und Bersten von einer Sprengung, Munition, die in einer Scheune lag. Dann wurde alles ruhiger, es war schon Mittag. Meine beiden Brüder und ich sprangen über eine Mauer, um noch zu retten, was noch nicht brannte. Eine Hitze stürmte uns entgegen. Noch konnte das Vieh rausgebracht werden. Die Scheunen waren schon niedergebrannt und auch Opas Haus. Mit Wasser und Jauche wurde das Feuer an einem Übergreifen auf den Stall gehindert. Nun musste ich erst an die beiden Kinder denken, die wohl noch gesund in Schneiders waren. Es standen 30 Gebäude in Flammen. Alles rennt und schwarz die Gesichter. Jeder rettete noch was ging. In dieser Zeit fuhren Panzer um Panzer die Straße nach Silges durch. Es lagen Tote und Verwundete nebeneinander... Auch unsere Kirche brannte nun ganz ab. Was konnte man schon daran ändern. Am späten Abend war sie ganz niedergebrannt... So ging der Ostersonntag zu Ende. Es war kein Sonntag. Im Haus war kein Fenster an der hinteren Seite mehr. Der Wind sauste durch jedes Loch, durch Steine, Möbel, Fensterrahmen, alles war durcheinander gewirbelt. Das Treppengeländer war abgerissen und Stufen durchgeschlagen. Schmutz und abgefallene Wände bedeckten die Böden. So kam der Abend des 1. Ostertages... Kalt und unheimlich war die Nacht. In allen Ecken loderten noch die Flammen aus den Ruinen. An Schlaf war nicht zu denken. Wir danken Gott, dass er uns noch unter seinen Schutz genommen hatte, denn wir waren alle gesund.

Bericht von Hermann Aschenbrücker:

„Am Ostersonntag kam ich aus der Frühmesse, kurz darauf sah man einen Flieger über dem Dorfe kreisen, und von weitem hörte man das Dröhnen der Panzerkolonne, die von Westen her anrückte. Ich war noch im Elternhaus und bin bei Beginn der Schießerei in den Luftschutzraum der Schule geflüchtet. Hier waren schon einige Leute aus der Nachbarschaft und Hünfelder Bürger, die in Mackenzell Schutz und Zuflucht suchten. Die Schule bekam auch einen Treffer ab, und als Ziegel vom Dach runterfielen und die Heizungsrohre im Luftschutzkeller dröhnten, wurde noch inbrünstiger gebetet. Beim Blick aus dem Kellerfenster in die Hintergasse konnte man vor Qualm gar nicht sehen, wo es eigentlich brannte. Als das Schießen dann etwas nachließ, verließ ich den Luftschutzraum und half bei den Löscharbeiten. Das ganze Dorf war in Aufruhr, überall Feuer und jammernde Menschen. Da die Schläuche der Feuerwehr teilweise durchschossen waren, wurden Eimerketten zum Löschen gebildet. Auch der Kirchturm war in Brand geschossen. Ein Bürger wollte noch eine Schlauchleitung von einem Hydrant aus zur Kirche legen, doch ein anderer nahm die Schläuche und legte sie zur brennenden Scheune des Nachbarn. Hierbei gab es einen Wortwechsel und üble Beschimpfungen. So brannte die Kirche bis auf die Mauern nieder..."

Bericht von Paula Ebert:

„Eine Art „Fieseler Storch" (Nahaufklärungsflugzeug) kreiste über Mackenzell, und unsere Soldaten lagen in höchster Alarmbereitschaft. Ich sagte noch zu einem Feldwebel, dass sie sich ergeben sollten, damit nicht alles in Schutt und Asche gelegt würde. Doch er antwortete: 'Hauen Sie ab, es wird gekämpft bis zum Letzten!' Da überkam mich ein furchtbares Entsetzen, und wir gingen alle unter Tränen in den Keller. Wir hatten bei uns im Haus Evakuierte aus der Eifel, aus Köln und viele Hünfelder, da Hünfeld ja verteidigt werden sollte. In unserem Keller waren wir 10 Frauen, einige Kinder und ein alter Mann, der schon nicht mehr gut hörte. Wir waren voller Angst, beteten den Rosenkranz und horchten auf die Schüsse und das Maschinengewehrgeknatter. Ich vergesse nie den Augenblick, als die Kellertüre aufging und wir dachten, die Amerikaner kämen jetzt. Doch es war nur unser Franzose, der sich mit seinen Kollegen in dem Kirchlein in Weißenborn versteckt hatte... Nun wagten wir uns aus dem Keller. Hier und da fielen noch Schüsse. Das ganze Dorf brannte, man wusste gar nicht, wo überall. Über ganz Mackenzell hing eine Rauchschwade. Auch das Haus meiner Großtante brannte. Wir holten Wäschestücke, Federbetten, Nähmaschine heraus und warfen alles auf die Straße. Ich holte mir eine Schubkarre, lud sie voll und fuhr mit ihr an der brennenden Kirche vorbei, und gerade hinter mir fiel der brennende Kirchturm auf die Straße. Die Leute, die es sahen, schrien auf, und Pfarrer Seifert schüttelte mir die Hände und sagte: 'Was hattest du für ein Glück, dass du nicht drunter gekommen bist!'..."

Bericht von Veronika Henkel:

„Es war frühmorgens gegen 7.30 Uhr. Die Bewohner waren meist in der Frühkirche. Ich habe zu Hause das Vieh gefüttert und die Gaststube geputzt. Plötzlich gab es Schüsse zu hören, und Fahrzeuge ratterten durchs Dorf. Es war auf einmal alles durcheinander. Die Leute flüchteten in die Keller und hatten Angst. Ich war damals 20 Jahre alt und wollte sehen, wie es draußen aussah. Da stand das Dachgeschoß des Hauses von Karl Hildenbrand schon in Flammen. M.H. und ich haben uns nasse Tücher um den Mund und die Nase gebunden. Dann sind wir mit einer Leiter hoch ins Haus gestiegen und haben Federbetten und Anzüge aus dem Schrank geholt, so viel wir konnten. Plötzlich krachte es über uns. Wir machten, dass wir rauskamen. Da fiel auch schon der Dachstuhl zusammen. Zunächst haben wir versucht, mit Jauche aus dem Hof des Theodor Trapp zu löschen. Später wurde eine Eimerschlange zur alten Molzbach gebildet. Indessen hat die Scheune von August Göller schon gebrannt. Da war nichts mehr zu löschen. In der elterlichen Scheune fing es auch an zu brennen. Das haben wir mit Wasser aus Wannen und Eimern löschen können. Mittlerweile stand unsere Kirche in hellen Flammen, da war auch nichts mehr zu machen. Es brannte an allen Enden und Ecken im Dorf. Es war mittlerweile Mittag geworden, an Essen hat da wohl keiner gedacht. Jetzt ging ich mal ins Unterdorf, da lagen die Verwundeten an der Brücke. Die kamen dann in die Scheune von Willi Kalb und wurden notdürftig versorgt. Die Amifahrzeuge richteten immer noch ihre Rohre auf uns. Nach der Herrenmühle zu, am Wasser und Hang entlang lagen die toten Soldaten im Stacheldraht verstrickt... Am Abend sind dann beim Löschen auf dem Grundstück des Theodor Trapp Josef Schneider aus Mackenzell und Karl Kümmel aus Molzbach unter die Brandmauer gekommen und dabei tödlich verletzt worden. Landwirt Josef Henkel erlitt einen Oberschenkelschuss und ist daran gestorben."

Ergänzung

24 deutsche Soldaten und drei Zivilpersonen (zwei Feuerwehrleute und der verletzte Bauer Henkel) mussten einen sinnlosen Tod sterben. Die Soldaten wurden zunächst von den Einwohnern in Weißenborn in einem Massengrab beerdigt, später umgebettet in Einzelgräber.

Als man den Schaden übersah, stellte man fest, dass außer der Kirche 6 Wohnhäuser,

17 Scheunen und die Lagerhalle der Möbelfabrik zerstört worden waren.

Völlig zerstört wurden Gebäude auf folgenden Anwesen:

Wilhelm Brehl (Hausnummer 2, Kappelmühle) sämtliche Gebäude

Josef Käsmann (Hnr. 1) Scheune

Josef Henkel (Hnr. 61) Scheune

Johann Schön (Hnr. 58) Haus und Scheune

Johann Wehner (Hnr. 57) Scheune

Emil Mihm (Hnr. 3) Scheune

Kunigunde Balzer(Hnr. 53) Haus und Scheune

Josef Aha (Hnr. 52) Scheune

Hermann Gensler (Hnr. 51) Scheune

Hermann Kimpel (Hnr. 5 1/16) Haus und Scheune

Anselm Möller (Hnr. 5 1/8) Haus und Scheune

Anton Eckart (Hnr. 5 ) Scheune

Karl Hildenbrand (Hnr. 36) Haus und Scheune

Johann Götze (Hnr. 39) Scheune

August Göller (Hnr. 35) Scheune

Theodor Trapp (Hnr. 19) Scheune

Karl Wehner (Möbelfabrik) Lagerhalle

Willi Zentgraf (Herrenmühle) Scheune

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Zerstörung und Abriss der Barockkirche