70 Jahre neue Kirche -Bau bis Einweihung

Der Kirchenneubau in Mackenzell

Nach der am 1. April 1945 durch Kriegseinwirkung zerstörten Barockkirche machte man sich Gedanken um den Bau einer neuen Kirche. Im Sommer 1945 wurde der in Kirchenneubauten schon bewanderte Pfarrkurat Pius Most aus Kirchhain bei Marburg von der bischöflichen Behörde nach Mackenzell beordert - er war glücklicher Besitzer eines Pkw! - , um „festzustellen, was mit der ausgebrannten Kirche geschehen könne, und wie die Gemeinde sich zum Wiederaufbau stellt“. Sein Bericht klingt nicht ermutigend: „...Es bedarf wohl noch ein Jahr, bis Menschen und Vieh wieder unter Dach gebracht sind, ehe überhaupt an eine neue Kirche gedacht werden kann und Arbeitskräfte dafür frei sind. Kein Wunder, dass es noch ein weiteres Jahr dauerte, ehe sich Neubaugedanken in der Gemeinde bemerkbar machten. Das war erst 1947 der Fall, und es kam im Mai zu einem Besichtigungstermin im Gelände des Schlossgartens, das der Forstbehörde gehörte, wo die Gemeinde den Neubau errichten wollte. Das Treffen lief jedoch ergebnislos, da die Forstbehörde den Grund nicht hergeben wollte, so zeigt es doch, dass der Kirchenneubau nun im Bewusstsein der Mackenzeller eine feste Stelle eingenommen hatte.

Der Kirchenneubau ist nicht denkbar ohne die Person des späteren Pfarrers von Mackenzell, Pius Most. In der Pfarrchronik beschreibt er selbst die Einzelheiten des Bauvorhabens. Wie er nachträglich berichtete, favorisierte er den Platz im „Pfarrgarten“, der dann auch später ausgewählt wurde. Im folgenden Monat wurde Most von Kirchhain nach Mackenzell zu Pfarrer Seifert versetzt, um sich „mit dem Kirchenbau zu versuchen.“ Pius Most hatte darin bereits Erfahrung, er hatte in Kirchhain einen Neubau hochgezogen. In der Kirchengemeinde war man sich über den Bauplatz aber immer noch nicht einig. Im Winter 1947/48 wurde endlich in einer Bürgerversammlung nach nochmaliger Abwägung aller Probleme dem Vorschlag des Pfarrers zugestimmt. Der Bauer Josef Schön erklärte sich am 1. Jan 1948 in einem Vertrag bereit, einen Teil seines Gartens am Landweg nach Hofaschenbach herzugeben gegen entsprechenden Grund im „Gehege“. Die alte Kirche, deren Mauern bis dahin als Ruine dagestanden hatten, sollte abgerissen, die Steine als Baumaterial verwendet werden. Pius Most erledigte nach diesem Befreiungsschlag alle Formalitäten selbst. Schon 3 Wochen später konnte er die Baupläne des Architekten Dipl.-Ing. Hans Weber aus Amöneburg vorlegen, denen das Domkapitel bereits einige Tage vorher zugestimmt hatte, was nun auch der Kirchenvorstand tat. Wieder 5 Tage später wurden die Pläne in Wiesbaden dem Wiederaufbauministerium vorgelegt, das ebenfalls zustimmte. „Schwierigkeiten machte gegen den Abbruch der Landeskonservator Dr. Bleibaum, mit dem Pfr. Most aber bereits 15 Jahre gut bekannt war und in gutem Einvernehmen blieb, so dass er schließlich stillschweigend die Sache im Sand verlaufen ließ. Landrat Beck und das Hochbauamt Hünfeld glaubten Schwierigkeiten machen zu müssen, vielleicht weil sie sich nicht hinreichend zu Rate gezogen fühlten und an den höchsten Regierungsstellen durch persönliches Vorsprechen alles so schnell und glatt abgewickelt worden war,“ berichtet die Pfarrchronik. Am 15. August wurden die Mackenzeller Maurermeister Trapp und Roth mit der Legung der Fundamente beauftragt.

Der freiwillige Einsatz der Mackenzeller war großartig. Ein Steinbruch auf dem Acker im Gehege, der Steine und Sand lieferte, der ein sehr glücklicher Fund bedeutete, wird zunächst vom Pfarrer mit Messdienern aufgetan. Vieles wäre auch zu berichten über die freiwilligen Arbeitsleistungen der Bewohner beim Ausschachten, Abbruch der alten Kirche und im Steinbruch. Es scheint so, als seien die Mackenzeller insgesamt mit allen Vorschlägen ihres tatkräftigen Bauleiters Most einverstanden gewesen, denn nie wird von „Faulen“ oder „Unzufriedenen“ berichtet, wie es bei dem gleichzeitigen Kirchenbau in Kirchhasel der Fall war.

Die Grundsteinlegung konnte noch im gleichen Jahr vorgenommen werden, die der Diözesanbischof Dr. Johannes Dietz selbst zelebrierte. „Bauer Josef Schön fuhr den Bischof und Pfarrer mit seinen flotten Pferden in der Kutsche, Bauer Johann Pappert und Sohn ritten auf feurigen Hengsten (?) voraus.“ Die Zeremonie wurde feierlich begangen, mit Musikkapelle, gemischtem Chor und Schulchor. „Rosa Aha vom Jungfrauenverein sprach das Begrüßungsgedicht vor dem Bischof, in dem die Erinnerung an die Katastrophe der alten Kirche festgehalten war, und die Vorbereitungen zum Neubau geschildert wurden, verfasst von Pfarrer Most“ - der also auch auf musischem Gebiet bewandert war. Es war natürlich eine Sensation, dass der Fuldaer Bischof persönlich nach Mackenzell gekommen war, ein erneuter Motivationsschub für den weiteren Kirchenbau!

Am 29. März 1949 wurde der Beginn der Maurerarbeiten beschlossen, das Protokoll berichtet: „...Es wurden 50% Unternehmerkosten vereinbart, Maurerlohn 1.—, Hilfsarbeiter 0.90 DM.... Die Bauleitung übernimmt Pfarrkurat Most vorläufig selbst.“ Am 29. Mai wurde der Zuschlag für die Zimmerarbeiten erteilt an Wilhelm Höfer aus Leibolz, der 6.000 DM gegenüber dem Höchstangebot von 11.000 DM verlangt hatte. In der Sitzung am 28. 8. wurde festgestellt, dass bis jetzt 54.000 DM ausgegeben, aber noch 40.000 gebraucht wurden, eine Bürgerversammlung sollte eine Hypothek von 20.000 DM genehmigen. Im Oktober konnte das Richtfest gefeiert werden. „Die Riesenbinder auf dem 15 Meter breiten Kirchenschiff aufzustellen, war keine leichte Arbeit, ebenso den 15 Meter hohen Turmhelm zu richten. Gott sei Dank, niemand verunglückte oder verletzte sich. Der Wetterhahn wurde nach altem Brauch durchs Dorf getragen und von Haus zu Haus die Verse gesungen:

‘Wir zeigen euch den Wetterhahn,

Er zeigt Euch manches Gute an.

Er zeigt euch Norden, Süden, Westen, Osten.

Das soll euch natürlich was kosten.

Wir nehmen Eier, Butter, Geld und Speck,

Wir Dachdecker werfen nichts weg.’

Ein Tannenbaum mit bunten Bändern von den Jungfrauen geschmückt und ein weiterer Tannenbaum mit Taschentüchern für jeden Handwerker, der es sich dann herunterholen musste, wurden am Turme angebracht. Musikkapelle, Kinderchor der Schule, Kirchenvorstand und Gemeindevertretung und viele Bewohner waren zum Richtfest versammelt. Bauherr und Meister sprachen vom hohen Turme, den Kindern wurden Süßigkeiten herab geworfen. Unter Vorantritt der Musikkapelle zogen alle Handwerker mit einer dicken Thalie (?) und dem Taschentuch im Knopfloch zum Festmahle in die Gastwirtschaft.“ Vorher allerdings mussten die Musikanten mit ihren Instrumenten den 15 Meter hohen Kirchturm auf schwankenden Maurerleitern erklimmen und unter den schon gerichteten Dachbalken über dem Abgrund „Großer Gott wir loben dich“ spielen, eine riskante Angelegenheit.

Aus der Urkunde, die in einer Flasche in den Kupferknauf des Turmes eingelegt wurde, erfahren wir außer den Namen der hauptsächlich am Bau Beteiligten auch die Personen des Bauausschusses: „Christoph Götze, Ludwig Pappert, Karl Helmke, Karl Pappert, Karl Grosch, Karl Göller und Emil Mihm; Josef Kohl und Bürgermeister Anselm Trapp mit Pfarrer Pius Most als Vorsitzer“; wichtiger noch sind die Hinweise auf die Finanzierung des Projektes: „Bis heute sind keine Bauschulden vorhanden. Außer den außerordentlichen freiwilligen Arbeitsleistungen der Mackenzeller wurden die entstandenen Kosten in Höhe von ca. 60.000 Mark durch Spenden und Zuschuss der politischen Gemeinde gedeckt. Die Spendenfreudigkeit der Gläubigen war vorbildlich.“

Tatsächlich wurden z. Bsp. Anfang 1949 über 1000 „Bettelbriefe“ gedruckt, Aufrufe zur Spende für die Mackenzeller Kirche, die aber nicht im Dorf verteilt, sondern in die Umgegend verschickt wurden. Jede Familie hatte obendrein ein Dorf in der Nähe zugeteilt bekommen, in dem sie Spenden sammeln sollte. Bis in die hohe Rhön und die Umgebung Fuldas, ja bis zum Domkapitel machten sich die Mackenzeller spendensammelnd auf. Das war nichts Ungewöhnliches, schon in den alten Kirchenrechnungen von um 1700 wurden hin und wieder solche Spenden für den Neubau abgebrannter Kirchen notiert. Aus dem Schreiben geht hervor, dass die Gemeinde um 400 Vertriebene zugenommen habe und in Mackenzell selbst jeden Monat über 2.000 DM gespendet würden. Man muss sich dabei vorstellen, dass der Stundenlohn eines Hilfsarbeiters damals 90 Pfennige betrug, wofür man sich ein Dreipfundbrot oder 3 Liter Milch kaufen konnte! Jeder mag sich umrechnen, wie groß das Opfer der Einwohner damals war.

Nochmals musste ein Winter vergehen, bis der Bau vollendet war. Die Innenausstattung übernahmen die im Ort ansässigen Schreiner Karl Wehner, Franz Koch, Karl Göller und Richard Aschenbrücker. Dann war es soweit: „Am Sonntag, dem 2. April 1950, zog Herr Pfarrer Most in Prozession zur neuen Kirche, um sie zu benedizieren. Anschließend zelebrierte Herr Pfarrer Most das erste Messopfer. Im Turm hängt schon eine neue Glocke, die der Kirche leihweise überlassen wurde. Am 28. März erklang sie zum ersten Mal, die Leute standen auf der Straße oder hörten von ihren Fenstern aus mit Tränen in den Augen dem Läuten zu, denn fünf Jahre lang war kein Glockengeläute mehr in dem Dorfe Mackenzell gehört worden.“ Die Weihe selbst wurde am 7. Mai 1950 von Bischof Dr. Dietz vorgenommen: „Bis zur Reliquienprozession standen die Gläubigen dicht geschart vor dem Gotteshause, während die heilige Handlung im Innern durch Lautsprecher übertragen und der ganze Vorgang durch Pater Vennmann erläutert wurde... Mit der feierlichen Reliquienprozession... konnte die Gemeinde in ihr schönes, geräumiges Gotteshaus einziehen... Die weltliche Feier am Nachmittag trug den Charakter eines schönen Dorfgemeinschaftsfestes und hielt jung und alt noch lange in froher Stimmung zusammen... Abends spielte die Mackenzeller Dorfkapelle kostenlos in den Sälen der zwei Gastwirtschaften zum Tanz auf. Schon am Nachmittag und erst recht bei den Abendveranstaltungen wurde eine Verlosung durchgeführt.“ Sie und der Verkauf von Erinnerungsplaketten aus Holz ergaben „die runde Summe von 5.000 -fünftausend - DM. Die Veranstalter stellten sie gerne für den Kirchenneubau zur Verfügung und lieferten den Betrag noch am Abend des Kirchweihtages ab. „ Übrigens waren die Kosten seinerzeit ziemlich richtig geschätzt worden. Die Endabrechnung von 1952 für den Kirchenbau einschließlich der Schreinerarbeiten betrug 114.532,99 DM!

Nachdem 1949 Pfarrer Seifert in den Ruhestand getreten war und Pius Most sein Amt übernommen hatte, wurde dieser 1954 nach siebenjähriger Tätigkeit in Mackenzell nach Roßdorf/Kreis Marburg versetzt. Sein Nachfolger Joseph Leister wurde am 3. Oktober 1954 im Dorfe eingeführt. Ihm verdanken wir eine Aufstellung in der Pfarrchronik über die Kosten und 1954 noch bestehenden Schulden vom Bau der Kirche. Denn die Investitionen waren noch lange nicht abgeschlossen.

Konnte bei der Einweihung nur eine geliehene Glocke ertönen, so erfreute zum Weihnachtsfest des nächsten Jahres (1951) ein vierstimmiges Geläut die Gläubigen. Die Kirchengemeinde hatte drei Glocken von dem sogenannten „Glockenfriedhof“ in Hamburg, wo die im Krieg beschlagnahmten Glocken gesammelt worden waren, erworben. Wie aus den Inschriften hervorgeht, handelte es sich wohl um solche, die aus Kirchen in den nunmehr Polen oder Tschechen zugesprochenen Gebieten stammten. Es waren eine e-, eine g- und eine c-Glocke, die mit der geliehenen zusammen einen harmonischen Klang bildeten.

Noch unter Pfarrer Pius Most 1953 war eine Orgel von der Firma Johannes Klais in Bonn angeschafft worden nach den Plänen des in Hünfeld lebenden Arztes und Kantors Dr. Adolf Jestädt. Dieser spielte in den folgenden Jahren in Mackenzell häufig bei Gottesdiensten auf „seiner“ Orgel; im Jahre 1967 brach er dort an der Orgel tot zusammen! Die Kosten des Werkes mit 23 Registern beliefen sich auf rund 33.000 DM, von denen 1954 noch 9.800 DM nicht bezahlt waren. Bald darauf erwarb man die bisher nur geliehene Glocke: Erwerbungskosten 2.520 DM. Für Abtragung aller Schulden (über 18.000 DM) liefen die regelmäßigen Haussammlungen vom Kirchbau her noch weiter. Vier Jahre später machte man sich an die Gestaltung des Kirchenvorplatzes, der noch ungepflastert wie bei der Einweihung geblieben war. Es wurden Stufen angelegt, die beiden Sandsteinfiguren von der Barockkirche wurden dort postiert, eine Treppe führte zur Taufkapelle hinauf, und das ganze Gelände musste planiert und angepflanzt werden. Auch das kahle Kircheninnere wurde durch ein Mosaik-Fresko hinter dem Altar des Kunst- und Kirchenmalers Hermann Wirth, der ein geborener Mackenzeller war, verschönert. Spenden dazu erbrachten 17.000 DM. 1965 musste eine neue Heizung installiert werden, eine moderne Ölheizung, was die politische Gemeinde mit 28.000 DM vornahm. 1974, nach 28 Jahren, war der Turm, der mit Holzschindeln gedeckt war, undicht geworden. Der Zeit entsprechend wurde nun Kupfer als Deckmaterial verwendet. Bei diesen Arbeiten entdeckte man, dass der Knauf unter Kreuz und Hahn von 10 Gewehrkugeln durchlöchert war und ebenfalls erneuert werden musste. Die Gesamtkosten betrugen 173.000 DM, von denen 43.000 wiederum durch Spenden aufgebracht wurden.

Aus der Kirchenchronik von Pfr. Pius Most

und Heimatbuch des HuKV „Dorf und Amtssitz – Eine Wanderung durch die Geschichte

Fotos: Archiv HuKV - Winfried Schön